Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren


Liebe-r* Reader

„Ich glaube, dass fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind, weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist; weil wir mitten in einem Übergang stehen, wo wir nicht stehen bleiben können.“ (Rilke)

Heute Morgen bin ich im Zwielicht aufgewacht, bin in den Tag hineingeglitten, den Moment stillgehalten, in dem es nicht mehr Nacht war und noch nicht Morgen. Und über Übergänge nachgedacht.

Wie schön sie sind, wie viel Angst sie machen, was es auszuhalten, was zu genießen gilt. Wie sehr es darauf ankommt, das richtige Timing zu finden – sofern das überhaupt in unserer Hand liegt. Ja, überhaupt zu begreifen, dass vieles nicht in unserer Hand liegt, sondern wir nur dafür zuständig sind, es dem Werden nicht schwerer zu machen.

Sich in Geduld üben, die schmerzhaft langsame Veränderung aushalten, genießen vielleicht sogar. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wer, wenn nicht wir?“, singen wir oft, und dann müssen wir die Zukunft doch einfach kommen lassen.

Der Status quo ist mächtig, denn selbst wenn dieser nicht gut ist: wir sind Gewohnheitsmenschen. Wir halten gerne fest an dem, was wir kennen. Neues ist beängstigend, wirft uns rein in Nebelschwaden im Kopf, macht uns unsicher, bringt uns aus der Komfortzone, so ausgelatscht sie schon sein möge. Und das Neue? Ist vielleicht verheißungsvoll, aber noch nicht da, reizvoll, aber erst schemenhaft erkennbar. Wir haben eine Ahnung, ein Ziehen wohin, aber die Vorstellungskraft reicht noch nicht dorthin.

Das Singen: ein Übergangsort, ein Dazwischen, zwischen Sprache und Musik, zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Gegenwart und Zukunft. Ein Ort, an dem wir uns einen Moment aufhalten können, an dem wir die Spannung aushalten können, weil wir gleichzeitig getragen sind. Ein Ort, an dem wir vielleicht ein wenig die Angst spüren können und uns trotzdem schon reingeben können in das, was kommen mag. Wir singen und bewegen etwas und üben uns trotzdem in Geduld, verlieren uns in den Schleifen der Melodie, bis sie zu Ende ist und etwas Neues kommen mag. Das Singen gibt uns die süße Gleichzeitigkeit des Vergangenen, der Gegenwart und der Zukunft. Die Schichten liegen übereinander, wir müssen sie im Tönen nicht ordnen. Genauso gleichzeitig können unsere Gefühle bestehen: Wir können gleichzeitig besorgt sein und unsicher und vertrauensvoll und hoffnungsvoll und im Hier und Jetzt und im Morgen. Unser Kopf kann bei einem Text sein und bei einer Melodie oder springen, und da gibt es dann noch diesen Moment, wo die Magie des Liedes trägt – durch die Übergänge hindurch. Wo wir es annehmen und lieben lernen, im Transit zu sein.

„Wir reden manchmal wie im Schlaf, von noch nie betret'nen Orten.
Von einer Zeit in ferner Zukunft, in einer Sprache, deren Worte
Wir noch lange kaum beherrschen, der wir uns blindlings anvertrauen.
„Gegen die Regeln der Vernunft reden wir manchmal wie im Traum“ (Kante)

Ich freue mich auf alle "Dazwischens" mit Euch!

Dipl.Musiktherapeutin

Weiterbildung/ Singleitung (singende Krankenhäuser)

Gestalttherapeutin

Yogalehrerin
www.Klang-Hafen.deinfo@klang-hafen.de

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